Erinnerung ans kindliche Warten
Ich kann mich noch erinnern, wie ungeduldig ich als Kind meinen Schoko-Adventskalender geöffnet habe. Warten war nie meine Stärke, oft waren alle Türchen schon vor
dem 24. leer.
Wir alle kennen Warten. Auf den Lohn. Auf eine Nachricht von jemandem, den wir lieben. Auf den Bus.
Warum der Advent mich das Warten lehrt
Gerade die Adventszeit zeigt mir: Warten ist nicht nur Leerlauf. Sie ist von ihrem Ursprung her eine Zeit des Wartens – des Hoffens, Erwartens und
Bereitwerdens. Wir erinnern uns an das Warten auf das Kommen Jesu, so wie Israel einst auf den verheißenen Messias wartete.
Jede Kerze, die wir anzünden, jedes Lied, das wir singen, erinnert daran, dass das Warten selbst Teil der Vorbereitung ist. Es ist kein passives Nichtstun, sondern
ein aktives Erwarten.
Warten ist geschenkte Zeit sein – Zeit, in der Gott mir begegnen möchte, Zeit, in der Gott mich benutzen möchte.
Wenn das Warten zu schwer fällt
Wir haben das Warten verlernt. Unsere Welt ist auf Sofort getrimmt. Alles muss schnell gehen, verfügbar sein, am besten ohne Verzögerung.
Vor allem bei der jungen Generation merke ich, wie schwer es ihnen fällt, einfach nichts zu tun oder warten zu müssen. Da dauert es schon zu lange, wenn das
Amazon-Päckchen nicht am nächsten Tag kommt. Jede Sekunde wird gefüllt – oft mit sinnlosem Scrollen am Smartphone, nur um die Leere zu überbrücken. Dabei verlieren wir, ohne es zu merken,
den Wert des Wartens – und die Fähigkeit zur inneren Ruhe.
Was machst du, wenn du auf den Bus wartest oder in der Arztpraxis sitzt, bis du aufgerufen wirst?
Ich glaube, dass ich selbst schon viele spannende, vielleicht sogar göttliche Momente verpasst habe, weil ich lieber ins Handy gestarrt als mich umgesehen habe.
Vielleicht wollte Gott mir gerade dort einen Gedanken schenken, ein Gespräch ermöglichen oder einfach einen Moment der Ruhe schenken, und ich war zu „beschäftigt“,
zu abgelenkt, um es zu bemerken.
Göttliche Begegnungen im Dazwischen
Warten ist nie nur Stillstand oder tote Zeit. Und dieses Muster, dass Gott gerade im Warten wirkt, zieht sich durch die ganze Bibel. Erinnern wir uns an die Israeliten, deren Wüstenzeit Gott sogar um viele Jahre verlängerte. Ihre Wartezeit war nicht nur Strafe oder Konsequenz auf den Ungehorsam, sondern ein Segen für die nächste Generation, in dem es die nächste Generation formte.
Aber auch im Neuen Testament sehen wir ein Beispiel des Wartens: Simeon und Hanna warteten ihr Leben lang auf den Messias. Tag für Tag kamen sie in den Tempel und
hielten fest an der Hoffnung, dass Gott sein Wort erfüllt. Als sie schließlich das Kind Jesus sahen, wussten sie: Das Warten war nicht vergeblich, der Retter war geboren. (Lukas
2,25–40)
Man mag sich kaum vorstellen, welche Freude ihnen entgangen wäre, wenn sie im Tempel, statt aufmerksam und bereit zu sein, mit einem Smartphone abgelenkt gewesen
wären.
Wenn Wartezeit zur Stärkungszeit wird
Wartezeit ist wichtig, weil sie uns entschleunigt. Sie konfrontiert uns mit uns selbst – mit unserer Ungeduld, unserer Sehnsucht, unseren Gelüsten. Genau
dort, im Dazwischen, will Gott wirken.
Wartezeit kann zu Stärkungszeit werden: Zeit, in der wir zur Ruhe kommen, zuhören, beten, dankbar werden. Aber auch eine Zeit, in der wir kreativ werden. In
der Gedanken reifen, Ideen entstehen, Träume Form annehmen. Oft schenkt Gott gerade in diesen stillen Momenten neue Impulse, die wir im Lärm des Alltags nie gehört hätten.
Manches, was in meinem Leben gewachsen ist – Gedanken, Projekte, Erkenntnis – ist genau in solchen Momenten entstanden.
Warten als Einladung zur Achtsamkeit
Wartezeit kann Prüfung und Charakterbildung sein.
Vielleicht können wir die Wartezeiten wieder neu entdecken – als Raum, in dem Gott uns begegnen will. Raum, den Gott nutzen wird. Vielleicht können wir, statt aufs
Handy zu schauen, einmal aufsehen, jemanden ansehen und einem Menschen ein Lächeln schenken. Vielleicht würden wir in der Wartezeit statt Ablenkung eine Möglichkeit finden, Licht für die
Welt zu sein.
Wir dürfen auch daran denken: Unsere Kinder sehen, wie wir warten. Jeden Tag leben wir ihnen vor, wie wir mit solchen Momenten umgehen. Wenn wir das nächste Mal
automatisch zum Handy greifen, könnten wir uns fragen, ob wir wirklich wollen, dass auch sie eines Tages jede freie Minute füllen müssen.
Oder ob wir ihnen nicht lieber zeigen möchten, dass Stille kein Feind ist, sondern ein Ort, an dem Gott ist.
„Der HERR ist gut zu denen, die auf ihn warten und ihn suchen.“
(Klagelieder 3,25 – NLB)
Meine Einladung für dich:
Nutze heute eine kleine Wartezeit bewusst – nicht für Ablenkung. Lass das Handy, den Laptop oder das Buch ruhen und höre, sehe, rieche und schmecke.
Erlebe, dass Gott dir auch im scheinbaren Stillstand begegnen möchte.
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